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Fremdbetreuung- ein ziemlich fieses Wort wie ich finde. Obwohl ich strikt gegen die Fremdbetreuung unter drei bin, kann ich durchaus nachempfinden, dass es manchmal einfach nicht anders geht. All zu oft sind es finanzielle Aspekte, die uns dazu zwingen unser Kind bereits mit einem Jahr in eine Fremdbetreuung zu geben. Eine Eingewöhnung von gefühlsstarken Kindern ist nicht vergleichbar mit “normalen” Kindern und bedarf definitiv einiger Zeit.

Wenn es einfach nicht anders geht…

weil Geld einfach auch vorhanden sein muss, dann habe kein schlechtes Gewissen. Du bist nicht Schuld und kein Mensch der Welt hat das Recht über dich oder deine Entscheidungen zu urteilen. Kein Mensch der Welt ist deinen Weg gegangen und kennt deine Familiensituation so gut wie du. Manchmal aber ist es auch einfach nicht nur das Geld, sondern auch der Wunsch nach etwas mehr Freiraum. Auch das ist kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Du bist die Expertin für dein Kind und für deine Familie und weißt was das Beste für euch ist.

Nichtsdestotrotz sollte die Wahl für die Fremdbetreuung gut überlegt sein. Damit es Stressfrei für alle, aber vor allem für dein Kind abläuft, musst du einiges beachten:

Qualität hat oberste Priorität

hier solltest du keine Kompromisse eingehen.

Qualität sollte ganz oben auf deiner Liste stehen. Natürlich! Was sonst? 

Leichter gesagt als getan, gerade wenn man auf dem Dorf lebt gibt es oftmals keine große Auswahl. Im Gegensatz gibt es in den größeren Städten vielleicht kaum freie Plätze und man hat das Gefühl, man muss nehmen was man kriegen kann. Daher solltest du dich wirklich frühzeitig kümmern, recherchieren, alternativen suchen und dir ein “Notfall” Plan zurecht legen. Denn auch wenn es viele Stimmen gibt, die für eine (frühe) Fremdbetreuung sprechen, gibt es auch mindestens genauso viele Stimmen, die gegen eine “frühe” Fremdbetreuung sprechen- und diese haben wirklich gute Argumente, die es sich auch lohnt zu kennen.

Der Plan

Es macht durchaus Sinn, sich schon vor der Geburt zu informieren. Damit meine ich nicht, dass du dein Kind unbedingt frühzeitig überall anmelden musst um einen Platz zu bekommen. Nein, du musst ein Gefühl für die Einrichtung bekommen und dazu gehört mehr als sich, ein oder zwei Tage einmal ein bisschen rum führen zu lassen:

  1. Schreibe dir auf, was dir wichtig ist! (Einschlafbegleitung, nicht weinen lassen, individuelle Begleitung, Personalschlüssel, Werte etc.)
  2. Welche Art von Betreuung ist möglich? (Krippe, Kita, Tagesmutter, “Leih” Oma, Au-pair, Babysitter, Familie…)
  3. Wie lange MUSS dein Kind betreut werden? (Kannst du/Papa (s)deine Arbeitszeit verkürzen? Kann der Papa Elternzeit nehmen? Reicht eigentlich auch ein Mini Job um der Haushaltskasse beizutragen?)
  4. Recherchiere und informiere dich! (Einer der wichtigsten Punkte! Was liest und hört man so über die Kita, Krippe oder Tagespflegeperson? Gehen Kinder von Freunden und Bekannten dorthin?)
  5. Frage nach dem Konzept der Einrichtung! (Jede gute Kita, Krippe und auch Tagespflegeperson hat ein schriftlich ausgearbeitetes Konzept, welches für interessierte Eltern zur Verfügung stehen sollte! Lass es dir per Mail zusenden!)
  6. Welches Konzept sagt dir zu? (Waldorf, Montessori, Fröbel, Waldkindergarten … )
  7. Eingewöhnung … (Wie viel Zeit sieht die Einrichtung für eine Eingewöhnung vor? Was sagt dein Gefühl zu der angegebenen Zeit? Besteht die Möglichkeit die Eingewöhnung individuell anzupassen oder wird dann schon das nächste Kind eingewöhnt? Stichwort: Berliner Modell)
  8. Zeit! (Wie viel Zeit hast du für die Eingewöhnung? Ich empfehle dir mindestens drei Monate einzuplanen.) 
  9. Besuchstermine! (Ich sagte es bereits… schaue dir die Einrichtung mehrmals an, dann bekommst du eine bessere Sichtweise! 4- 5 mal sollten es schon sein.)
  10. Bauchgefühl! (Alles erledigt? Was sagt dein Bauchgefühl? Arbeite notfalls mit Pro und Contra Listen- wo kannst du abstriche machen und was geht gar nicht?)

Zeit, Bauchgefühl und das Berliner Modell

Diese beiden Komponenten sind unerlässlich für eine funktionierende, liebevolle und vor allem auf Vertrauen aufbauende Eingewöhnung. Die meisten Kindergärten, Tagespflegepersonen und Krippen arbeiten nachdem Berliner Eingewöhnungsmodell. Dieses Modell wurde, nach den Erkenntnissen der Bindungstheorie, von dem englischen Kinderpsychater John Bowlby entwickelt.

Das Berliner Modell sieht vor, dass die Eingewöhnung mindestens drei Tage dauert. Es mag Kinder geben, denen diese Zeit genügt, in der Regel ist dies jedoch nicht der Fall. Die meisten Erzieher schlagen aufgrund des Modells eine erste Trennung am vierten Tag vor. Höre hier unbedingt auf dein Gefühl! Ist dir unwohl dabei, sage den Erziehern klar und deutlich das es für dich zu früh ist. Denn was ebenfalls sehr wichtig ist, dass du dich wohl fühlst und vertrauen hast. Deine Gefühle übertragen sich auf dein Kind und es merkt, wenn du dich nicht wohl fühlst.

Das Berliner Modell umfasst 6 Schritte:

  1. Rechtzeitige Information an die Eltern (Information über Bedeutung und Ablauf der Eingewöhnung)
  2. Dreitägige Grundphase (Ständige Anwesenheit der Eltern, frühester Trennungsversuch am vierten Tag- ACHTUNG Kind abhängig!!!)
  3. Der erste Trennungsversuch (Trennung nicht länger als 2 Minuten, bei extremen Schreien abbrechen!)
  4. Die Länge der Eingewöhnung (Schreien und weinen beim Verlassen deuten auf eine sichere Bindung hin, diese Kinder benötigen eine längere Eingewöhnungszeit!)
  5. Die Stabilisierungsphase (Frühestens am fünften oder sechsten Tag, die Fachkraft übernimmt die Versorgung im Beisein der Eltern)
  6. Die Schlussphase (Kind lässt sich trösten, die Bezugsperson ist nicht mehr anwesend, aber erreichbar)

Es gibt hier zwar Zeitangaben aber diese sind keinesfalls in Stein gemeißelt du auf jedes Kind anwendbar.

Tränen sollten nicht dazu gehören

Das grundlegende Ziel der Eingewöhnung sollte sein, dass die Erzieher/in eine vertrauensvolle Beziehung zu dem Kind aufbauen. Dies ist selten nach nur drei Tagen erreicht. Eine vertrauensvolle Beziehung braucht Zeit. Daher lass dich bitte nicht mit einem:

“Da müssen alle Kinder durch! oder “Tränen gibt es immer”

abspeisen. Es geht auch ohne! Und es ist niemals eine Option und auch Bowlby hat hier nur Zeiträume von bis zu sechs Wochen genannt aber explizit betont, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat. Im Durchschnitt entsteht bei den meisten (“normalen”) Kindern nach zwei- drei Wochen eine vertrauensvolle Basis.

“Wenn ich jedoch nun an meine Tochter denke, die mit ihren fast drei Jahren, fremden Erwachsenen sehr zurückhaltend ist, dann hätte uns wohl jede Einrichtung nach zwei bis drei Wochen abgelehnt. Wir befinden uns nunmehr seit sieben Wochen im Waldkindergarten und erst letzte Woche hat Lotta das erste mal freiwillig mit einer Erzieherin gesprochen. Wir sind also noch weit von einer Trennung entfernt. In unserem Fall ist dies zum Glück auch noch lange nicht erforderlich. Aber das ist eine andere Geschichte.”

Waldkindergarten

Waldkindergarten (Bildquelle: Nadine Sandeck)

Entdeckung im Waldkindergarten

Was krabbelt denn da? (Bildquelle: Nadine Sandeck)

Sollte euch also eine relativ kurze Eingewöhnungszeit schmackhaft gemacht werden, so greift gerne auf das Berliner Modell zurück und zitiert Bowlby.

Es darf dabei niemals aus den Augen verloren werden, dass jedes Kind das Tempo seiner Eingewöhnungszeit selbst bestimmt. Je nach Temperament, bisherigen Bindungserfahrungen und individuellem kindlichem Verhalten dauert eine Eingewöhnung unterschiedlich lang. Generell stellt der neue aufregende Schritt in die Kindertagesbetreuung und die Trennung des Kindes von seinen Eltern eine Belastung dar, die durch eine langsame und sensible Eingewöhnung deutlich gemindert wird.  (aus: www.kita-fachtexte.de) 

Eine individuelle Eingewöhnungszeit solltet ihr also unbedingt vorher abklären lassen und evtl. sogar schriftlich festhalten. Sehe die Eingewöhnungszeit nicht nur als Gewöhnung für dein Kind, sondern auch für dich. Durch Beobachtungen lernst du sehr viel über einen Menschen.

Fragen, Fragen, Fragen

Beobachtest du Situationen, die dir nicht gefallen oder du für unangebracht hältst, sprich es unbedingt an. Nehme keine Situationen mit nach Hause, die dir ein ungutes Gefühl geben. Und ganz wichtig ist nochmal- DU BIST DIE EXPERTIN FÜR DEIN KIND. Auch Erzieher sind nicht allwissend. Lass dir niemals deine Kompetenz absprechen.

Auch vor der eigentlichen Eingewöhnung solltest du dir Fragen zurecht legen. Einen kleinen Fragenkatalog habe ich dir hier zusammengestellt.

Kleine Tipps am Rande

  • Fühlst du dich Wohl, wird sich dein Kind wohl fühlen
  • Vermeide Stress vor dem Kindergarten, Krippe, Tagespflege
  • Begegne den Erziehern mit einem Lächeln
  • Stofftier, Schnuffeltuch oder Schnuller als Tröster sind okay!
  • So wenig Fremdbetreuung wie möglich.
  • Prioritäten setzen
  • Qualität ist das A und O
  • Nach der Kita, Krippe, Tagespflege ist ganz viel Nähe wichtig
  • Nehme Signale ernst und gehe ihnen auf den Grund (Weinen noch bevor ihr das Auto geparkt habt etc.)
  • DU bezahlst die Kita, also kannst du auch Forderungen stellen!

 

 

 

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